Dienstag, 12. Mai 2015

Das Gut-Mensch-Experiment: Frau Holle

Es vergingen einige Tage, bis ich wieder dazu kam, eine neue Offensive unter dem Codenamen "Erdbeerweltnachbarn" zu starten. Als es so weit war, hatte ich mir ein besonderes Bonbon herausgepickt: Frau Holle

Natürlich heißt sie nicht wirklich Frau Holle, doch zu jeder Tageszeit sieht man sie auf ihrem Balkon stehen und Wäsche ausschütteln. Morgens, bevor ich zur Arbeit fahre, abends, wenn man vom Einkaufen kommt und selbst am Wochenende, wenn man (egal zu welcher Zeit) das Haus verlässt. Immer steht sie auf dem Balkon und lässt die nassen Kleidungsstücke knallen.
Selbst meine Tochter ruft schon laut: "Guck mal, Papi! Frau Holle ist wieder da."
Ich warte schon auf den Tag, wenn sie so laut ruft, dass es Frau Holle mitbekommt.
Paradoxerweise ist Frau Holle etwa in meinem Alter und hat ein 1-jähriges Kind. Mir stellte sich bereits mehr als einmal die Frage, wo das Kind die ganze Zeit ist? Aber sei's drum ...

Ich wusste, dass sie zuhause war, denn kurz vorher hatte ich sie (taddah!) Wäsche ausschütteln sehen.
Also betätigte ich die Klingel und wartete. Die Haustür öffnete sich und heraus trat ... der Griesgram. Er beäugte mich skeptisch, zottelte dann aber weiter.
Niemand ging an die Gegensprechanlage und niemand öffnete die Tür. Sie war noch nicht ganz zugefallen, weshalb ich mir kurzerhand eigenmächtig Zutritt verschaffte.
Im ersten Obergeschoss angekommen, betätigte ich wieder die Klingel von Frau Holle und hoffte, dass sich nicht augenblicklich ein Pechregen über mich ergießen würde. Nach einer kurzen Pause, klopfte ich an die Tür. Ein Staubsauger begann zu dröhnen.
Die Sache war klar. Frau Holle hatte gerade keine Muse, die Tür zu öffnen, aber so schnell wollte ich nicht aufgeben. Noch einmal drückte ich den Klingelknopf. Zu fest, wie ich dann feststellen musste, denn er blieb hängen und die Klingel gab einen Dauerton von sich.
Hastig knubbelte ich an dem doofen Klingelknopf herum, damit es endlich aufhören würde zu klingeln. Da öffnete sich die Tür. Den laufenden Staubsauger und das schreiende Kind nicht beachtend, fuhr mich die hagere Frau an: "Was soll denn das werden?"
"Entschuldigung, das ..."
Sie trat im Stechschritt heraus, fegte meine Hände mit einer genervten Geste beiseite und fummelte an der Klingel herum, bis sie schließlich Ruhe gab. Sie schien das nicht zum ersten Mal zu machen.
"Sollte das nicht mal die Hausverwaltung reparieren?", fragte ich ein wenig eingeschüchtert.
"Sind sie gekommen, um mir das vorzuhalten? Ich habe keine Zeit, was wollen sie? Sie sind doch der von gegenüber ..."
Ich nickte, zog meinen Zettel heraus und streckte ihn ihr entgegen. "Eigentlich bin ich gekommen um meine Hilfe (beim Wäscheausschütteln) anzubieten und nicht, um die Klingel kaputt zu machen."
Mit dem kleinen Kärtchen in der Hand lief Frau Holle in die Wohnung und trat beiläufig den Staubsauger aus. Das Kind schrie weiter.
Sie las ein paar Augenblicke still, blickte mich dann von unten fragend an und steckte den Zettel in die Tasche ihrer grauen Jogginghose.
"Ich meine, wenn sie mal bei irgendwas Hilfe benötigen ..."
"Sie könnten ja die Klingel reparieren", schlug sie vor.
Das nennt man wohl Eigentor. Hätte ich mal die Klappe gehalten. Von solchen Dingen habe ich in etwa so viel Ahnung, wie ein Elefant vom Skifahren. Glücklicherweise ist mein Schwiegervater Elektromeister. Da würde sich bestimmt etwas einrichten lassen.
"Nun ... äh ... na gut. Aber ich kann nicht versprechen, dass es noch diese Woche etwas wird."
Frau Holle grinste selbstzufrieden über ihren Triumph.
Mit den Worten "Bis bald, und klopfen sie lieber." schloss sie die Tür. Der Staubsauger nahm wieder seinen Dienst auf.
Ich zückte mein Smartphone. Die enstprechende Nummer war schnell gefunden. "Hallo ... ja, ich bin's ... du - du bist doch Elektromeister ... Ja, ich weiß, dass du nicht mehr in dem Beruf arbeitest, aber ... Was? Jaja, denen geht's gut. Weshalb ich anrufe ..."

Nächste Woche haben wir einen Termin vereinbart. Mein Schwiegervater, Frau Holle und ich ...


Fortsetzung folgt ...

Kommentare:

  1. Zu schade, dass du nicht in meiner Nachbarschaft wohnst. Ich würde bestimmt auch was Schönes für dich finden. :D Finde das Projekt aber echt gut! Daran sollte sich andere Menschen ein Beispiel nehmen.

    Übrigens Danke für die Kommis. Gestern Abend gab's einen neuen Artikel. ;)
    Grüße

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    1. Ach, Frau Nachbarino. So weit entfernt dürfte die Nachbarschaft doch gar nicht sein.

      Ich schau gleich mal rein ...


      Grüße

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